Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE)
Die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE) sind eine Sammlung von Fragebögen, einer Checkliste und einem Interview zur Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Autoren sind Michael Rösler, Petra Retz-Junginger, Wolfgang Retz und Rolf-Dieter Stieglitz. Der Name bezieht sich auf Homburg (Saar), den Sitz des Universitätsklinikums des Saarlandes. Die erste Auflage erschien 2008 bei Hogrefe und enthielt vier Verfahren, die zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage von 2021 enthält fünf.[1][2] Alle fünf Verfahren sind in der Verfahrensübersicht zur S3-Leitlinie aufgeführt.[3]
Bestandteile
Wender Utah Rating Scale – Kurzform (WURS-K)
Siehe auch: Wender Utah Rating Scale
Mit der WURS-K schätzen Erwachsene rückblickend ein, wie stark bestimmte Verhaltensweisen und Probleme bei ihnen im Alter von etwa 8 bis 10 Jahren ausgeprägt waren. Von den 25 Items gehen 21 in den Summenwert ein, vier dienen der Kontrolle.[2] Ab einem Wert von 30 Punkten spricht das Ergebnis für eine ADHS-Symptomatik in der Kindheit.[4]
ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)
Siehe auch: ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)
Die ADHS-SB erfasst die aktuelle Symptomatik anhand der 18 Diagnosekriterien. Jedes Kriterium wird nach seiner Ausprägung von 0 bis 3 eingestuft.[5] Für die zweite Auflage wurde sie an DSM-5 und ICD-11 angepasst.[1]
ADHS-Diagnostische Checkliste (ADHS-DC)
Die ADHS-DC ist das Gegenstück zur ADHS-SB für das Urteil der Untersuchenden. Sie beruht auf denselben 18 Kriterien, wie sie DSM-IV, DSM-5, die Forschungskriterien der ICD-10 und die ICD-11 beschreiben. In der Grundversion wird jedes Merkmal nur als vorhanden oder nicht vorhanden bewertet, die Version ADHS-DCQ erfasst die Ausprägung quantitativ.[1] Bei der Entwicklung stimmten Selbsturteil und Expertenurteil sowohl bei den einzelnen Symptomen als auch bei den Syndromwerten gut überein.[5]
Wender-Reimherr-Interview (WRI)
Das WRI ist die autorisierte deutsche Fassung der Wender-Reimherr Adult Attention Deficit Disorder Scale (WRAADDS) von Paul H. Wender und Frederick W. Reimherr.[6] Das strukturierte Interview erfasst 28 psychopathologische Merkmale aus sieben Bereichen, die den Utah-Kriterien entsprechen: Unaufmerksamkeit, Überaktivität, Impulsivität, Stressintoleranz, emotionale Labilität, Temperament und Desorganisation.[1] Für Verlaufsuntersuchungen gibt es die Version WRI-V mit leicht veränderter Instruktion und Auswertung.[1] Auf deren Bogen werden die Merkmale mit 0 bis 2 bewertet; für jeden Bereich geben die Untersuchenden zusätzlich eine Gesamtbeurteilung des Schweregrads ab.[7]
In einer Studie mit 168 Patienten einer ADHS-Ambulanz lag die interne Konsistenz des WRI bei α = 0,82, die Übereinstimmung zwischen Beurteilern bei der Diagnose bei κ = 1,0 und die Korrelation mit der ADHS-SB bei 0,65. Nach den Kriterien des DSM-IV erhielten in dieser Stichprobe 119 Personen eine ADHS-Diagnose, nach denen der ICD-10 nur 87; alle ICD-10-Diagnosen waren auch nach DSM-IV gestellt worden.[8]
Wender-Reimherr-Selbstbeurteilungsskala (WR-SB)
Neu in der zweiten Auflage ist die WR-SB, die Selbstbeurteilungsversion des WRI. Sie umfasst 53 Merkmale aus zehn Bereichen. Zu den sieben Bereichen des WRI kommen „oppositionelles Verhalten“, „akademische Probleme“ und „soziale Adaptation“ hinzu.[1] Die deutsche Fassung wurde an 122 Erwachsenen mit ADHS und 79 gesunden Kontrollpersonen geprüft und zeigte hohe interne Konsistenzen und eine hohe Retest-Reliabilität.[6]
Normen und Auswertung
Das Manual enthält Grenzwerte, Referenzwerte zur Bestimmung des Schweregrads und Entscheidungsregeln für die kategoriale Diagnose. Für die zweite Auflage wurden für ADHS-SB und WRI bevölkerungsrepräsentative Normen erhoben, auch getrennt nach Altersgruppen. Je Verfahren sind 10 bis 30 Minuten zu veranschlagen.[1] Referenzwerte beider Verfahren für die Allgemeinbevölkerung hatte die Arbeitsgruppe schon 2015 veröffentlicht.[9]
Abgrenzung
Nicht zu den HASE gehört die Integrierte Diagnose der ADHS im Erwachsenenalter (IDA), ein Leitfaden derselben Arbeitsgruppe für die Diagnosestellung.[10] Eine überarbeitete Fassung (IDA-R) diente bei der Prüfung der deutschen ASRS-5 als Referenzverfahren.[11]
Siehe auch
Literatur
- Rösler M, Retz-Junginger P, Retz W, Stieglitz RD. HASE. Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene. Untersuchungsverfahren zur syndromalen und kategorialen Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Hogrefe; 2008. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage 2021.
Weblinks
- HASE bei der Testzentrale (Hogrefe)
WURS-K (Musterbogen aus der 1. Auflage, ausgefüllt), zentrales adhs-netz
ADHS-SB (Musterbogen aus der 1. Auflage, ausgefüllt), zentrales adhs-netz
ADHS-DC (Auszug aus der 1. Auflage, ausgefüllt), zentrales adhs-netz
WRI-V (Auszug, ausgefüllt), zentrales adhs-netz
Weitere interessante Artikel

- Medikinet: Selbstversuch Gehirndoping - Lernen auf Droge (Reportage)
- Adults with ADHD (Dokumentation, englisch)
- Heilbarkeit der ADHS
- Gerald Hüther
- Lieber einen Sommer auf der Alm, als ein Leben lang auf Ritalin (Dokumentation)
- Depressionen und ADHS
- Pellet
- HTR2A
- Anekdotische Evidenz
- ADHS bei Erwachsenen (Reportage)
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 HASE. Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene. Untersuchungsverfahren zur syndromalen und kategorialen Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Testzentrale, Hogrefe Verlag. Abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ 2,0 2,1 Störungsspezifische Verfahren zur Erfassung der ADHS-Symptomatik (Erwachsene). zentrales adhs-netz. Abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ Deutschsprachige psychometrisch untersuchte Verfahren zur Erfassung von ADHS-Symptomatik im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (PDF). Übersicht nach der S3-Leitlinie ADHS (2018). zentrales adhs-netz. Abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ Retz-Junginger P, Retz W, Blocher D et al. Reliabilität und Validität der Wender-Utah-Rating-Scale-Kurzform. Retrospektive Erfassung von Symptomen aus dem Spektrum der Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung. Nervenarzt. 2003;74(11):987–993. doi:10.1007/s00115-002-1447-4
- ↑ 5,0 5,1 Rösler M, Retz W, Retz-Junginger P et al. Instrumente zur Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB) und Diagnosecheckliste (ADHS-DC). Nervenarzt. 2004;75(9):888–895. doi:10.1007/s00115-003-1622-2
- ↑ 6,0 6,1 Retz-Junginger P, Giesen L, Philipp-Wiegmann F, Rösler M, Retz W. Der Wender-Reimherr-Selbstbeurteilungsfragebogen zur adulten ADHS. Deutsche Version. Nervenarzt. 2017;88(7):797–801. doi:10.1007/s00115-016-0110-4
- ↑ Wender-Reimherr-Interview, Verlaufsdokumentation (WRI-V) (PDF, Auszug). zentrales adhs-netz. Abgerufen am 6. Oktober 2026.
- ↑ Rösler M, Retz W, Retz-Junginger P et al. ADHS-Diagnose bei Erwachsenen. Nach DSM-IV, ICD-10 und den UTAH-Kriterien. Nervenarzt. 2008;79(3):320–327. doi:10.1007/s00115-007-2375-0
- ↑ Philipp-Wiegmann F, Rösler M, Retz W, Schindelbeck K, Retz-Junginger P. Häufigkeiten von adulten ADHS-assoziierten Symptomen in der Normalbevölkerung – Referenzwerte der ADHS-Selbstbeurteilungsskala und des Wender-Reimherr-Interviews. Z Psychiatr Psychol Psychother. 2015;63(4):267–278. doi:10.1024/1661-4747/a000249
- ↑ Retz W, Retz-Junginger P, Römer K, Rösler M. Standardisierte Skalen zur strukturierten Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Fortschr Neurol Psychiatr. 2013;81(7):381–389. doi:10.1055/s-0033-1335740
- ↑ Ballmann C, Kölle MA, Bekavac-Günther I et al. Evaluation of the German version of the Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Self-Report Screening Scale for DSM-5 as a screening tool for adult attention-deficit/hyperactivity disorder in primary care. Front Psychol. 2022;13:858147. doi:10.3389/fpsyg.2022.858147